27
Dylan zog sich fertig an, während sich Rio am Telefon mit Nikolai besprach. Heute Nacht würde er wieder nach Boston zurückfahren. So wie es klang, würde er aufbrechen, sobald die anderen Krieger ihn abholen kamen. Zwanzig Minuten, hatte er gesagt. Überhaupt nicht lange.
Und mit keinem Wort hatte er angesprochen, was jetzt aus ihnen beiden werden würde.
Dylan bemühte sich, den Schmerz zu ignorieren, aber es tat trotzdem weh. Sie wollte einen Hinweis darauf, dass das, was heute Nacht zwischen ihnen gewesen war, auch ihm etwas bedeutete. Aber er schwieg hinter ihr in der kleinen Sakristei, nachdem er sein Handy zugeklappt und begonnen hatte, sich anzuziehen.
„Sind Nancy und die anderen okay“
„Ja“, sagte er irgendwo hinter ihr. „Es geht ihnen allen gut. Niko und Kade haben ihnen kein Haar gekrümmt, und der Prozess, ihre Erinnerungen für immer zu löschen, ist völlig schmerzlos.“
„Das ist gut.“ Sie beugte sich über die beiden halb abgebrannten Kerzen und blies sie aus. In der Dunkelheit fand sie den Mut, ihm die Frage zu stellen, die schon den ganzen Abend lang zwischen ihnen in der Luft hing. „Also, was ist nun, Rio? Wann wirst du meine Erinnerungen löschen“
Sie hörte nicht, wie er sich bewegte, aber sie spürte den Luftzug, als er hinter ihrem Rücken stehen blieb, und seine starken, warmen Hände, wie sie sich weich auf ihre Schultern legten. „Ich will es nicht tun, Dylan.
Zu deinem eigenen Besten - und wohl auch zu meinem - sollte ich mich aus deiner Erinnerung löschen, aber das will ich nicht. Ich glaube nicht, dass ich es könnte.“
Dylan schloss fest die Augen, ließ diese zärtlichen Worte auf sich wirken. „Dann … wie geht es dann weiter?“
Langsam drehte er sie zu sich herum und nahm ihr Gesicht in die Hände. Er küsste sie liebevoll und lehnte dann seine Stirn gegen ihre.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich dich jetzt nicht gehen lassen will.“
„Deine Freunde werden bald hier sein.“
„Ja.“
„Geh nicht mit ihnen.“
Er senkte das Kinn und presste seine Lippen auf ihren Kopf. „Ich muss.“
In ihrem Herzen, noch bevor er es aussprach, wusste Dylan dass er zurück musste. Seine Welt war der Orden. Und trotz ihres Muttermals, das ihr einen besonderen Platz beim Stamm einräumte, musste Dylan bei ihrer Mom bleiben.
Sie vergrub ihre Wange an Rios Brust, hörte seinen festen, regelmäßigen Herzschlag. Sie wusste nicht, ob sie es verkraften würde, ihn gehen zu lasen, jetzt, wo sie ihre Arme um ihn geschlungen hatte.
„Kommst du mit mir zum Krankenhaus zurück? Ich will heute Nacht noch einmal nach ihr sehen.“
„Natürlich“, sagte Rio, löste sich von ihr und nahm ihre Hand in seine.
Sie verließen ihr provisorisches Refugium in der leeren Kirche und gingen Hand in Hand zurück zum Krankenhaus. Die Besuchszeiten waren schon seit einer Weile vorbei, aber die Nachtwache am Empfangstresen schien es gewohnt, für Angehörige, die zur Krebsstation wollten, Ausnahmen zu machen. Der Mann winkte Dylan und Rio durch, und sie nahmen den Lift in den zehnten Stock.
Rio wartete draußen auf dem Gang, als Dylan ihre Handschuhe anzog und die Tür öffnete. Ihre Mutter schlief, also setzte Dylan sich in den Besucherstuhl neben dem Bett und saß einfach nur da und sah ihr zu, wie sie atmete.
Es gab so viel, was sie ihr sagen wollte - und nicht zuletzt, dass sie einen außergewöhnlichen Mann kennengelernt hatte. Sie wollte ihrer Mutter sagen, dass sie sich gerade verliebte. Dass es aufregend war und dass sie Angst hatte und eine verzweifelte Hoffnung sie erfüllte, auf das Leben, das sie vielleicht in der Zukunft mit dem Mann erwartete, der gerade draußen vor der Tür dieses Krankenzimmers stand.
Sie wollte, dass ihre Mutter wusste, dass sie sich gerade Hals über Kopf verliebte in Eleuterio de la Noche Atanacio ... einen Mann, der so anders war als alle Männer, die sie je kennengelernt hatte.
Aber Dylan konnte von alldem überhaupt nichts sagen. Es waren Geheimnisse, die sie vorerst wahren musste. Vielleicht für immer.
Sie streckte die Hand aus und streichelte ihrer Mom übers Haar, zog ihr vorsichtig die dünne Krankenhausdecke hoch bis unter das Kinn.
Wie sehr sie sich wünschte, dass ihre Mutter einmal in ihrem Leben eine wahre, tiefe Liebe erfahren hätte. Es schien so unfair, dass sie so viele Fehlgriffe getan hatte, zu viele nichtsnutzige Männer geliebt hatte, wo sie doch jemanden verdient hätte, der anständig und freundlich war.
„Oh Mami“, flüsterte Dylan leise. „Es ist so verdammt unfair.“
Tränen stiegen ihr in die Augen. Ein Leben lang hatten sich ihre ungeweinten Tränen in ihr angesammelt, vielleicht in Vorbereitung für diesen Augenblick, aber jetzt konnte sie sie nicht mehr zurückhalten.
Dylan wischte sich immer wieder die Tränen ab, aber es kamen ständig neue nach, zu viele, um sie mit ihren latexbekleideten Händen fortwischen zu können. Sie stand auf und ging um das Bett herum, um sich aus der Schachtel auf dem rollbaren Nachttischgestell ihrer Mutter ein Papiertaschentuch zu nehmen. Als sie sich die Augen tupfte, bemerkte sie auf einem Tisch in der anderen Ecke des kleinen Krankenzimmers ein Geschenkpäckchen mit Schleife. Sie ging hinüber und sah, dass es eine Schachtel Pralinen war. Sie war noch ungeöffnet und sah teuer aus. Neugierig hob Dylan die kleine weiße Karte auf, die unter die gerippte seidene Zierschleife geschoben war.
Darauf stand: Für Sharon. Kommen Sie bald zurück. Ihr G.F.
Dylan grübelte über die Initialen nach und erkannte, dass es sich um den Eigentümer der Stiftung handeln musste, Mr. Fasso. Ihre Mutter hatte ihn Gordon genannt. Er musste sie besucht haben, nachdem Dylan gegangen war. Und die Nachricht auf der Karte klang etwas vertraulicher als die üblichen Genesungswünsche eines Arbeitgebers an seine Angestellte ...
Herr im Himmel, war das womöglich mehr als eine der vielen katastrophalen Verliebtheiten, die ihre Mom sich so gerne leistete?
Dylan wusste nicht, ob sie lachen oder noch mehr weinen sollte beim Gedanken, dass ihre Mutter womöglich einen anständigen Mann gefunden hatte. Gut, Gordon Fasso kannte sie nur wegen seines Rufes als reicher, wohltätiger, etwas exzentrischer Geschäftsmann. Aber was den Männergeschmack ihrer Mutter anging, dachte sich Dylan, dass sie es schlechter hätte treffen können - und das hatte sie schon oft genug.
Sie kann mich nicht hören.
Dylan erstarrte beim plötzlichen Klang einer Frauenstimme im Zimmer.
Die Stimme ihrer Mutter war es nicht.
Es war überhaupt keine diesseitige Stimme, erkannte sie in dem Sekundenbruchteil, als sie das Flüstern und das statische Rauschen registrierte. Als sie sich umdrehte, sah sie sich dem Geist einer jungen Frau gegenüber.
Ich habe versucht, es ihr zu sagen, aber sie kann mich nicht hören ... Kannst du ... mich hören?
Die Lippen des Geistes bewegten sich nicht, aber Dylan hörte sie so deutlich wie jede andere Erscheinung, die ihre Stammesgefährtinnengabe ihr gezeigt hatte. Sie sah in die kummervollen Augen eines toten Mädchens, die bei ihrem Tod noch keine zwanzig gewesen sein konnte.
Sie kam Dylan irgendwie vertraut vor, als sie die für Anhänger der Gruftieszene typische Kleidung und die schwarzen Zöpfe, die dem Mädchen über die Schultern hingen, bemerkte. Sie hatte sie schon einmal im Zentrum gesehen. Das Mädchen war eine von Sharons Lieblingen gewesen - Toni. Das Straßenmädchen, das bei dem Job nicht aufgetaucht war, den ihre Mutter für sie besorgt hatte. Sharon war so enttäuscht gewesen, als sie Dylan erzählt hatte, dass sie Toni an die Straße verloren hatte. Und nun war das arme Kind endlich hier und versuchte, mit ihr in Kontakt zu treten. Und nun war es zu spät, sie war schon auf der anderen Seite, und dort konnte ihr niemand mehr helfen.
Warum versuchte sie dann, mit Dylan zu kommunizieren?
Noch vor Kurzem hätte sie versucht, die Erscheinung zu ignorieren oder ihre Fähigkeit, sie zu sehen, abgestritten. Aber jetzt nicht mehr.
Als der Geist wieder fragte, ob sie sie hören könne, nickte Dylan.
Zu spät für mich, sagten die reglosen Lippen. Aber nicht für die anderen. Sie brauchen dich.
„Brauchen mich wozu?“, fragte Dylan ruhig, dabei wusste sie doch, dass ihre Stimme nicht auf die andere Seite hinüberdrang, auf das Leben danach. „Wer braucht mich?“
Es gibt noch mehr von uns ... deine Schwestern.
Die junge Frau legte den Kopf schief und zeigte ihr die untere Seite ihres Kinns. Auf ihrer geisterhaft flüchtigen Haut war das Muttermal, das Dylan nur allzu gut kannte.
„Du bist eine Stammesgefährtin“, keuchte sie.
Verdammte Scheiße.
Waren sie alle Stammesgefährtinnen gewesen? Alle Geister, die sie je gesehen hatte, waren ausschließlich Frauen gewesen, und immer waren sie jung und wirkten gesund. Waren sie etwa alle mit demselben Mal geboren, der Träne in der Mondsichel? Dem genetischen Stempel, den auch sie selbst trug?
Zu spät für mich, sagte Tonis Geist.
Ihre Erscheinung begann, sich mit einem zuckenden Flackern aufzulösen, wie ein schlechtes Hologramm. Sie wurde durchsichtig, nur noch ein entferntes Knistern von elektrischer Spannung in der Luft. Ihre Stimme war nun leiser als ein Flüstern und wurde immer schwächer, während Tonis Bild im Nichts verblasste.
Aber Dylan hatte gehört, was sie gesagt hatte, und es ließ sie bis ins Mark erschauern.
Lass nicht zu, dass er noch mehr von uns tötet ...
Dylans Gesicht war aschgrau, als sie aus dem Krankenzimmer ihrer Mutter kam.
„Was ist passiert? Ist sie okay?“, fragte Rio. Ihm zog sich schmerzhaft das Herz zusammen beim Gedanken, dass Dylan womöglich ganz allein den Tod ihrer Mutter hatte miterleben müssen.
„Ist etwas ...“
Dylan schüttelte den Kopf. „Nein, meiner Mutter geht es gut. Sie schläft. Aber da war ... oh Gott, Rio.“ Sie senkte die Stimme und zog ihn in eine abgelegene Ecke des Korridors. „Ich habe eben den Geist einer Stammesgefährtin gesehen.“
„Wo?“
„Im Zimmer, bei meiner Mom. Das Mädchen war eine Ausreißerin aus dem Zentrum, eine, die meiner Mutter sehr nahe war, bis sie neulich verschwunden ist. Ihr Name war Toni, und sie ...“ Dylan verstummte und schlang die Arme um sich. „Rio, sie hat mir gerade gesagt, dass sie ermordet wurde und dass sie nicht allein ist. Sie sagt, es gibt noch mehr wie sie. Sie hat mir ihr Mal gezeigt und mir dann gesagt, dass ich nicht zulassen darf, dass noch mehr von ,meinen Schwestern' getötet werden.“
Zur ... Hölle noch mal.
Rios Magen verkrampfte sich vor Grauen, als Dylan ihm die Warnung aus dem Jenseits überbrachte. Sofort dachte er an Dragos' entarteten Sohn und die äußerst reale Möglichkeit, dass der Mistkerl den Alten aus seiner Gruft befreit hatte, genau wie der Orden befürchtete. Es war durchaus vorstellbar, dass er die außerirdische Kreatur zur Zucht einsetzte und eine Vielzahl neuer Gen-Eins-Vampire schuf von vielen unterschiedlichen Frauen.
Verdammt, Dragos' Sohn konnte sich zu diesem Zweck Stammesgefährtinnen aus der ganzen Welt herankarren lassen.
„Sie sagte, lass nicht zu, dass er noch mehr von uns tötet, als wäre auch ich in Gefahr.“
Rios Haut wurde eng von einer unguten Vorahnung. „Du bist sicher, dass du das gehört - und gesehen hast?“ „Ganz sicher.“
„Zeig es mir.“ Er ging einen Schritt auf das Zimmer zu. „Ich muss das mit eigenen Augen sehen. Ist sie noch dort drin?“ Dylan schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist schon wieder fort, die Erscheinungen sind wie Nebel ... sie bleiben nicht lange sichtbar.“
„Hast du sie gefragt, wo diese anderen sich befinden oder wer es war, der sie getötet hat?“
„Leider funktioniert es nicht so. Sie können sprechen, aber ich glaube nicht, dass sie mich hören können, wo auch immer sie dort sind.
Ich habe es versucht, aber es funktioniert nie.“ Dylan starrte ihn lange an. „Rio, ich glaube, jede einzelne dieser jenseitigen Begegnungen, die ich je hatte - schon seit der ersten, als ich noch ein kleines Kind war -, war der Geist einer toten Stammesgefährtin. Ich habe es immer seltsam gefunden, dass ich nur Frauen sah, junge Frauen, die in der Blüte ihres Lebens hätten sein sollen. Als ich das Mal unter Tonis Kinn sah, hat es bei mir auf einmal Klick gemacht. Ich verstehe es jetzt - ich fühle es. Sie waren alle Stammesgefährtinnen.“
Rio fuhr sich mit der Hand über die Kopfhaut und zischte einen scharfen Fluch durch die Zähne. „Ich muss Boston anrufen und es ihnen sagen.“
Dylan nickte, sie starrte immer noch hinauf in seine Augen. Als sie redete, klang ihre Stimme ein wenig zittrig. „Rio, ich hab Angst.“
Er zog sie an sich und wusste, wie schwer es ihr fiel, das zuzugeben, selbst vor ihm. „Das brauchst du nicht. Ich beschütze dich.
Aber heute Nacht kann ich dich nicht hierlassen Dylan. Ich nehme dich mit zurück ins Hauptquartier.“
Sie runzelte die Stirn. „Aber meine Mom ...“
„Wenn ich ihr auch helfen kann, werde ich es tun“, sagte er und legte all seine Karten vor ihr auf den Tisch. „Aber zuerst muss ich sichergehen, dass dir nichts passiert.“
Dylans Augen flehten ihn an und dann, schließlich, nickte sie schwach. „In Ordnung, Rio. Ich gehe zurück mit dir.“